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Manche desertieren, und viele kämpfen nur deshalb, weil sie bei Entfernung von der eigenen Truppe hilflos erschlagen würden. Vergleichbar ist auch die Bereitschaft der Heerführer, mitten in der Bataille neue, oft absurd erscheinende Allianzen einzugehen: Monarchisten oder Nationalkonservative verbünden sich mit Nationalsozialisten oder Faschisten, wobei manche von ihnen später wieder aus dem Bündnis abspringen und ins gegnerische Lager treten das wird in Italien wenigstens halbwegs erfolgreich durchgeführt und scheitert am Juli in Deutschland.

Daher die Neigung, dies, wie es häufig und zu einseitig geschieht, ein Zeitalter der Weltbürgerkriege zu nennen. Jedenfalls sind es vielfach tödliche Konflikte zwischen ideologischen Lagern und Staaten, die von der Gerechtigkeit und von der Zukunftsfähigkeit ihrer Sache überzeugt sind. Jahrhundert 11 Warum ist die Katastrophenepoche in den frühen fünfziger Jahren zu Ende gegangen - zumindest im westlichen Europa? Somit war die erste Jahrhunderthälfte eine Katastrophenepoche. Eine allein auf Deutschland und Japan fixierte Geschichtsschreibung hat früh das Jahr als Epochenzäsur begriffen.

Das Vakuum erstreckte sich nun über das ganze kontinentale Europa. Erst jetzt war das kritische Nachkriegsjahrzehnt aus einem Zustand fast dauernder Kriegsgefahr in einen Zustand kontrollierter Spannung übergegangen, wobei bis Ende der neunziger Jahre Perioden der Konfrontation und Phasen der Entspannung einander ablösten. Les guerres en chaine" hat Raymond Aron schon diese Konstellation genannt Die Geschichtsschreibung, die den Kalten Krieg vom guten Ende her analysiert, wird künftig wahrscheinlich mehr und mehr dazu neigen, die fast unerträglichen und nur schwer steuerbaren Risiken dieser Konfrontation zu verharmlosen.

Die ausgebliebene Katastrophe" durfte man diesen Zentralaspekt deutscher Geschichte aus Sicht der späten achtziger Jahre kennzeichnen, als die schlimmsten Gefahren vorüber zu sein schienen Das vom dritten Weltkrieg verursachte Chaos hätte wahrscheinlich das der beiden vorhergehenden noch überboten.

Bei genauerem Zusehen habe der dritte Weltkrieg stattgefunden, jedoch in den Formen des Kalten Krieges. Hans-Peter Schwarz, Die ausgebliebene Katastrophe. Eine Problemskizze zur Geschichte der Bundesrepublik, in: Theodor Eschenburg zum Fünfundachtzigsten, Berlin , S.

Drei Aspekte werden in den vorläufigen Deutungen immer wieder genannt: Amerika stabilisierte Westeuropa, insbesondere das westliche Deutschland, den Mittelmeerraum, partiell auch den Nahen und Mittleren Osten sowie das pazifische Becken mit Japan. Anders als in der Katastrophenepoche waren die demokratische Ordnung im Innern und die internationale Ordnung jetzt machtpolitisch abgesichert.

Es bestanden relativ festgefügte Blöcke, die alle potentiell revisionistischen Mächte die Bundesrepublik Deutschland, die Staaten des Balkans, Nationalchina auf Taiwan, Südkorea einhegten und zugleich die gegnerische Supermacht in Schach hielten.

Auch dabei spielte die wohlwollende, wenngleich alles andere als uneigennützige Hegemonie der USA eine Hauptrolle. Sehr vereinfacht formuliert, unterschied sich somit die zweite Jahrhunderthälfte vor allem deshalb von der Katastrophenepoche, weil die Welt ins Atomzeitalter eingetreten war, weil das amerikanische Jahrhundert" in weiten Regionen des nördlichen Globus Wirklichkeit geworden war und weil die sozialstaatlich recht unterschiedlich abgesicherten Volkswirtschaften unter Nutzung der Ordnungsformen der Marktwirtschaft Wohlstand produzierten.

John Lewis Gaddis hat, darauf gestützt, erste Deutungsansätze vorgelegt: La Belle Epoque , 2. La Mauvaise Epoque , 3. Die letzte Vermutung beweist einmal mehr die begrenzten Möglichkeiten der Vorausschau, selbst bei einem durchaus umsichtigen Futurologen. Jahrhundert 13 Diese Skizze ist viel zu holzschnittartig. So wie zur Katastrophenepoche von Jahrzehnt zu Jahrzehnt jeweils differenziertere Erklärungen der historischen Mikro- und Makrovorgänge erscheinen, ist auch die Geschichte der zweiten Jahrhunderthälfte bereits durch eine Vielzahl von Studien erhellt, die freilich erst Teile der Gesamtentwicklung zu erklären erlauben.

Bei Lichte betrachtet, waren die Regierungen zumindest im ersten Nachkriegsjahrzehnt, doch vielfach auch später, mit Belastungen und Gefahren konfrontiert, die ähnlich unlösbar erschienen wie die der Zwischenkriegszeit: Zweifellos sind dabei die neuen multilateralen Institutionen - etwa: Systematische Forschung in den Archiven der wichtigsten multilateralen Institutionen ist zwar heute möglich, doch viele Dokumente sind immer noch unzugänglich.

Hier, bei dem Studium der internationalen Institutionen und der Rückkoppelungsprozesse in die nationalen Systeme, liegen die wichtigsten zeitgeschichtlichen Forschungsaufgaben der kommenden Jahrzehnte. Erst wenn die Forschung auf diesen und anderen Feldern weitergekommen ist, wobei in Bezug auf internationale Finanzpolitik und Technologiepolitik besondere 38 Vgl.

VfZ 36 , S. Welches Gewicht hatte die amerikanische Hegemonie tatsächlich? Welches Gewicht hatten einzelne Persönlichkeiten? An politologischen oder wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchungen, auch an juristischen Studien, die auf offenen Quellen beruhen, herrscht zwar kein Mangel. Die Zeitgeschichtsforschung steht hier buchstäblich noch in den Anfängen Es fehlt vor allem an Synthesen aus umfassendem zeitgeschichtlichem Blickwinkel und an detaillierten archivgestützten Untersuchungen der multilateralen EntScheidungsprozesse.

Die Forschung, welche der Frage nachgeht, weshalb die Jahrzehnte seit Anfang der fünfziger Jahre vielerorts durch Stabilität, Prosperität und Demokratie gekennzeichnet waren, ist also aufgerufen, die nationalgeschichtliche Sicht durch multilaterale Perspektiven zu ergänzen, doch auch die rein bipolare Sicht amerikanischer Lehrbücher der Politologie oder einseitig auf die Supermächte orientierter Historiographie konsequent zu überwinden.

Im maoistischen China ist die schon Ende des Jahrhunderts beginnende Zeit der Wirren erst Ende der siebziger Jahre zu Ende gegangen, und die Bevölkerung des einstigen Indochina wurde von den vierziger Jahren bis in die achtziger Jahre hinein katastrophalen Prüfungen unterzogen bis hin zum Völkermord der Roten Khmer an einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung von Kambodscha.

Weitere Zonen globaler Schrecken wären gleichfalls zu nennen. Deshalb ist der Begriff Ende der Katastrophenepoche" sehr relativ. Waren Dekolonisierung und die Errichtung neuer Staaten weltgeschichtlich nicht noch wichtiger als der Kalte Krieg?

Jahrhundert 15 Die erste Phase ist bis erreicht: Und die vorerst letzte Phase der Staatsgründungen setzt Anfang der neunziger Jahre ein: Aus Sicht des Jahres kann man in der Tat argumentieren: Der Kalte Krieg ist heute eine historisch abgeschlossene Epoche und hat völlig neuen Entwicklungen Platz gemacht. Jahrhunderts als die Auswirkungen des Ost-West-Konflikts. Jahrhunderts und noch danach als Herren der Welt begriffen haben. Noch ein Dreivierteljahrhundert danach erinnerte sich Arnold Toynbee daran.

Damals, meinte er, hatte es den Anschein, als habe das Abendland seine Vorherrschaft über die übrige Welt abgeschlossen" Auch während der ersten vier Jahrzehnte des Danach sanken die Überseeimperien innerhalb kürzester Zeit in sich zusammen konstatierte der Kolonialhistoriker K. Fieldhouse bereits das endgültige Aus: Die Welt, so Fieldhouse , werde nicht mehr länger von westlichen Basen 42 Zit. Jetzt hingen die Europäer von einer Vielzahl kleiner, oft chauvinistischer Staaten ab.

Der überlegene Status und die grandeur" seien dahingeschwunden. Dies hatte neben vielem anderem eine Revolutionierung des Staatensystems zur Folge. Vor dem Ersten Weltkrieg existierten nur etwas mehr als 30 unabhängige Staaten neben einer Anzahl von halb- oder viertel-autonomen Protektoraten.

Heute zählt die Staatengesellschaft mehr als Mitglieder. Manche dieser autonom gewordenen oder neu errichteten Staaten haben bereits über Jahrzehnte hinweg ihre eigene geschichtliche Identität entwickelt, sind also nicht mehr ein Appendix der Nationalgeschichte europäischer Mächte. Und das so entstandene polyzentrische Staatensystem kann keinesfalls mehr von Europa aus manipuliert werden. Jahrhunderts unlängst umrissen, wird keine europäische sein.

Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Doch dem waren seit Beginn des Zeitalters der Entdeckungen bereits lange Jahrhunderte vorausgegangen, in denen die europäischen Mächte die Regionen in Übersee zunehmend, wenngleich in historischem Auf und Ab, unterwarfen, durchdrangen und zu einem Spielfeld ihrer Machtpolitik, ihrer Ausbeutung und ihrer zivilisatorischen Entwicklung gemacht hatten.

Rudolf von Albertini hat das bald moribunde System europäischer Vorherrschaft wie folgt umschrieben: Frankreich geriet zwar während der Kriege in Indochina und in Algerien in eine Staatskrise, die aber nach dem Rückzug aus Algerien vergleichsweise rasch überwunden wurde.

Zuletzt von allen wurde das autoritäre Regime Portugals Mitte der siebziger Jahre durch die Kolonialkriege erschüttert. Doch auch das wurde verkraftet.

Fieldhouse, The Colonial Empires. Festschrift für Hans-Peter Schwarz zum Jahrhundert 17 Indessen führte das Ende der Kolonialreiche bei allen Beteiligten doch zu weitreichenden Umorientierungen. Wer die Dekolonisierung allein als machtpolitischen Niedergang Europas" begreift, der er natürlich war, ohne nicht zugleich auch dessen sehr positive Auswirkungen zu registrieren, bewertet aber die Entwicklung nicht richtig. Aus der Rückschau fällt dieses Urteil noch viel eindeutiger aus. Im übrigen war die Geschichte des Imperialismus mit der Liquidierung der weltweiten Dominanz der westeuropäischen Mächte ja noch nicht zu Ende.

Wie man das amerikanische Weltsystem" einmal weltgeschichtlich einordnen wird, ist schon deshalb nicht sicher, weil es vielerorts immer noch besteht. In mancherlei Hinsicht sind doch Analogien zum Freihandelsimperialismus" und zum Konzept eines informellen Imperiums" erkennbar, wie das für die mittleren Jahrzehnte der viktorianischen Ära diagnostiziert wurde Aber auch die Sowjetunion begriff sich bis in die achtziger Jahre hinein als eine imperiale Macht.

Erstaunlicherweise haben jedoch ihre Eliten in der Krisenphase bis der gewaltlosen Auflösung des Imperiums noch widerstandsloser und resignierter zugestimmt als früher die britischen, französischen, niederländischen und portugiesischen Regierungen in Bezug auf die Übersee-Imperien. Zwar finden sich in der deutschen Zeitgeschichtsforschung nicht allzu viele Autoren, die das Jahrhundert primär unter dem Aspekt der Dekolonisierung und des nation-building" begreifen Das Interesse an den Dramen und Verbrechen der eigenen Nationalgeschichte sowie am Ost- West-Konflikt überlagert in der deutschen Forschungslandschaft doch alles.

In Frankreich wird die Thematik eher etwas verdrängt, unter anderem deshalb, weil die Archive zum Indochinakrieg und zum Algerienkrieg allenfalls partiell zugänglich sind. Allein die britische Zeitgeschichte behandelt den Themenkreis Imperial Sunset" angemessen.

Es bleibt also fraglich, ob sich in der Forschung auf Dauer die Perspektive halten wird, nur das Ringen zwischen den totalitären Systemen und den westlichen Demokratien sei das eigentliche Generalthema der Geschichte des Das Jahrhundert hatte mehrere Leitmotive. Es war eben ein von Grund auf paradoxes Jahrhundert: War es ein amerikanisches Jahrhundert"?

Das Schlagwort amerikanisches Jahrhundert" ist am Nachdem er die Weltausstellung in St. Louis besucht hatte, betrachtete beispielsweise der Ökonom Werner Sombart die USA als Paradebeispiel einer kapitalistischen Gesellschaft, wozu seiner Meinung zufolge allerdings auch die Unkultur jenseits des Ozeans gehörte.

Jahrhundert 19 dem ebenso der aus kultureller Fremdheit mit entsprechendem Abwehrreflex resultierende Antiamerikanismus. Anfang der siebziger Jahre schrieb Andre Malraux: Die grundlegende Tatsache ist der Tod Europas. Als ich zwanzig Jahre alt war, befanden sich die USA bezüglich ihrer weltpolitischen Bedeutung etwa in ähnlicher Lage wie gegenwärtig Japan.

Europa ist als weltpolitischer Faktor faktisch verschwunden, und dieser Wandel hat sich in kürzester Zeit vollzogen. Zahllose Untersuchungen sind der Frage gewidmet worden, in welchen Phasen und in welcher Hinsicht die USA tatsächlich die global dominierende Weltmacht gewesen sind. Raymond Aron beispielsweise, der eine kritische, vielschichtig komponierte Monographie über Die imperiale Republik" veröffentlichte, schrieb damals: Hingegen meinte er in Bezug auf die Zukunft: Es wird also eine Phase des relativen Desinteresses an der Welt auf das Jahrhundert der amerikanischen Vorherrschaft folgen, eine Vorherrschaft, die ohnehin der Vergangenheit angehört.

In gewisser Hinsicht sind sie zur Weltmacht verdammt" Dennoch sind natürlich die verschiedensten Relativierungen der These vom amerikanischen Jahrhundert" geboten. Davon kann im Ernst erst von an gespro- 54 Cyrus L. Sulzberger, An Age of Mediocrity. Selbst später in den Jahrzehnten des Kalten Krieges gab es ein Auf und Ab des militärischen und politischen Einflusses, aber auch der wirtschaftlichen Dominanz. Das Staatensystem im Jahrhundert war zwar stets polyzentrisch - das Bild der bipolaren Welt ist selbst in den Epochen schärfster Ost-West-Konzentration nur eine Textbook-Illusion amerikanischer Politologen gewesen.

Dabei dürfte der Skeptizismus Raymond Arons ratsam sein, der in diesem Zusammenhang meinte: Die sogenannte wissenschaftliche Untersuchung der zwischenstaatlichen Beziehungen hat mit einer Unzahl von Schemata und Modellen vielfach mehr zum Niedergang der Politischen Wissenschaft als zur Erweiterung der Erkenntnisse beigetragen. Das Gewicht der Persönlichkeiten? Jahrhunderts zu erfassen und die der kommenden Epoche zu skizzieren, formulierte er: Alle Versuche, die zahllosen Fragen an das Jahrhundert zu formulieren, müssen so ansetzen.

Analyse der Kräfte, also: Jahrhundert 21 Stärker als im Ohne Stalin keine Sowjetunion in den Formen und in der Ausdehnung, welche direkt oder indirekt die Geschichte bis weit über das Jahrhundertende hinaus beeinflussen dürften.

Wahrscheinlich hätte der Sturz des Zarismus und die Erschütterung der feudalistisch-frühkapitalistischen russischen Gesellschaft durch die Narretei des Weltkriegs zu schlimmen Krisen, vielleicht auch zu einem Bürgerkrieg und eher zu einer Reprise autoritärer Herrschaft als zur Stabilität der parlamentarischen Demokratie geführt. Wie sehr es selbst unter den Bedingungen des Spättotalitarismus letzten Endes doch auf die Persönlichkeit an der Spitze der Machtpyramiden ankam, hat Gorbatschow bewiesen.

Vielleicht wäre ohne Hitler und ohne die von ihm aufgebaute Bewegung auf die erste Deutsche Demokratie" H. Winkler 61 eine kürzere oder längere Phase autoritärer Herrschaft gefolgt, wobei Deutschland möglicherweise eine Periode ähnlichen Schwankens zwischen autoritären und demokratischen Systemen erlebt hätte wie viele Länder Lateinamerikas im Vielleicht hätte das deutsche Verlangen nach Revision von Versailles" auch zu einem weiteren europäischen Krieg geführt.

Aber ohne Hitler und seine Mit-Machthaber sind der Eroberungskrieg, der Rassismus und die Vernichtungsmaschinerie des nationalsozialistischen Deutschlands genausowenig vorstellbar wie das Sowjetsystem ohne Lenin und Stalin. Und die Entwicklung in Indien? Ohne die charismatische Persönlichkeit Gandhis hätte sich die prinzipielle Gewaltlosigkeit der indischen Unabhängigkeitsbewegung vielleicht doch nicht durchgesetzt.

Und der fabianisch imprägnierte, von spätviktorianischem Agnostizismus und vom Glauben an wohlmeinende Elitenherrschaft beseelte Brahmane Nehru hat tatsächlich den Aufbau eines säkularen, über dem Religionsstreit stehenden Staates mit durchweg dauerhaften demokratischen Institutionen erreicht.

Auch in der Geschichte der westeuropäischen Demokratien finden sich Persönlichkeiten, ohne welche die Entwicklung wohl anders verlaufen wäre. Auch in dieser Hinsicht wird die spätere Forschung manches vielleicht anders akzentuieren. Gegenwärtig spricht jedenfalls vieles dafür, den Faktor Persönlichkeit relativ hoch zu veranschlagen, will man die Katastrophen und den überraschend guten Ausgang des Die Geschichtsschreibung sollte das nicht übersehen.

Jahrhunderts urplötzlich die Rolle der Persönlichkeit entdeckt. Ein Vergleich seiner beiden Darstellungen zur weltgeschichtlichen Rolle Europas 63 im Hobsbawm, Die Blütezeit des Kapitals. Eine Kulturgeschichte der Jahre , München ; Ders. Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme.

Jahrhundert 23 Das Jahrhundert - eine Abfolge gescheiterter Experimente zur Eindämmung des Kapitalismus? Will man also die Eigenart der jüngst vergangenen Epochen erfassen, so spricht manches dafür, dabei von den heute erkennbaren neuen Gegebenheiten aus den Blick rückwärts zu lenken. Friedman, eine Studie zur gegenwärtigen Globalisierung veröffentlicht: The Lexus and the Olive Tree.

Die Entwicklungsländer hätten ihre eigenen Industrien zu entwickeln gehabt, die modernen westlichen Industriegesellschaften hätten auf regulierten Handel gesetzt und die kommunistischen Staaten vorwiegend auf Autarkie. Schlüsseltechnologien des Kalten Krieges seien die Kernwaffen und die Technologien der zweiten industriellen Revolution gewesen. Damit habe sich ein globales Lagerdenken verbunden: Das System des Kalten Krieges habe auch dominierende demographische Trends erkennen lassen: Furcht vor nuklearer Vernichtung Dies wird erst voll sichtbar, wenn man dieses nunmehr vergangene globale System mit den heutigen Bedingungen vergleicht.

Das Gesamtsystem, so skizziert dieser amerikanische Analytiker, ist nicht primär statisch, sondern dynamisch. Freihandelskapitalismus, und auch dies wieder weltweit. Und die Machtstruktur sei dreidimensional, wobei die Dimensionen einander durchdringen. Zum anderen existiere eine Machtdimension zwischen den etablierten Staaten und den globalen Märkten. Die andere Seite ist durch denkbar altmodischen, auf Grenzen und heilige Altertümer fixierten Nationalismus oder Fundamentalismus gekennzeichnet.

Jahrhunderts unter Führung Englands bestand. Ähnlich wie Friedman sieht auch Eric Hobsbawm die neueste Entwicklung und konstatiert sichtlich resigniert: Entsprechend bitter beklagt er denn auch das Ende des Sozialismus: Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sei das Experiment des real existierenden Sozialismus" gescheitert.

Auch die utopistischen Träume von sozialistischen Welten gehören ganz offensichtlich zu den Hauptkennzeichen des Jahrhunderts. Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer. Jahrhundert 25 das Jahrhundert umgewandelt hatte, im Jahrhundert aber periodisch oder regional eingedämmt war, nunmehr unwiderstehlich und weltweit durchsetzt.

War das alles vorhersehbar? Kurz vor dem Eintritt ins Trotz seiner schon damals vorhandenen kulturkritischen Vorbehalte, die sich zusehends verstärkten, sah er als leistungsfähigste Organisationsform den modernen Kapitalismus. Doch bald suchten er und viele mit ihm nach Alternativen zur marktwirtschaftlichen Ordnung. Nach dem Kollaps der Zentralverwaltungswirtschaften des sowjetischen Modells und nachdem auch die ursprünglich radikalkommunistische chinesische Wirtschaftsordnung gemischtwirtschaftlich organisiert ist mit sehr starken marktwirtschaftlichen Komponenten , hat es den Anschein, als sei der vergebliche Widerstand gegen die globale Dynamik des Kapitalismus in der Tat ein Zentralthema des Jahrhunderts gewesen.

In globaler Perspektive liegt es somit nahe, die Wirtschaftsordnungen im faschistischen Italien und im nationalsozialistischen Deutschland, desgleichen die unterschiedlichen kommunistischen Ordnungsformen als ehrgeizige, kostspielige und letztlich gescheiterte Experimente zu begreifen, der Marktwirtschaft Alternativmodelle entgegenzusetzen.

Mit dieser grundlegenden Thematik verband sich die Frage, ob Kapitalismus und Demokratie komplementär sind oder nicht. Seit den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg über alle Erfolge und alle Systemkrisen der Demokratie hinweg ist dies gleichfalls eines der strittigsten Themen des zurückliegenden Jahrhunderts gewesen. Was die politische Demokratie betrifft, so hat es heute den Anschein, als sei sie in der Tat notwendigerweise mit marktwirtschaftlichen Ordnungsformen verbunden.

Lenger, Werner Sombart, S. Die sozialen Komponenten des Kapitalismus wurden und werden hier noch immer als Voraussetzungen der Akzeptanz einer pluralistischen Demokratie begriffen. Zugleich sollte er durch Transferzahlungen und Sozialleistungen die Einkommen nach dem Prinzip der sozialen Gerechtigkeit umverteilen. Die gemischte Wirtschaftsordnung stellt sich demnach im Westen als eine Art Neomerkantilismus dar. Eine neue liberale Phase der Weltwirtschaft, Turbo-Capitalism" Edward Luttwak nennen dies deren Kritiker, zwingt die wohlfahrtsstaatlich verkrusteten westlichen Marktwirtschaften in Anpassungskrisen.

An der Komplementarität von Demokratie und Marktwirtschaft besteht in den etablierten Demokratien jedenfalls kein Zweifel - sofern sich die Demokratien der Aufgabe gewachsen zeigen, die sozialen Spannungen der kapitalistischen Entwicklung sozialstaatlich aufzufangen. Viel unsicherer ist es nach den Beobachtungen im vergangenen Jahrhundert, ob eine autoritär gelenkte Marktwirtschaft auf längere Dauer möglich ist - Marktwirtschaft also ohne politische Demokratie.

Dies ist das Modell einiger fernöstlicher Gesellschaften. Doch die autoritär-technokratische Prätorianerherrschaft in Südkorea ist bereits gescheitert und hat der weltweit üblichen Verbindung von Demokratie und Marktwirtschaft Platz gemacht. Welche Zukunft das politisch autoritäre System in China hat, dessen Funktionäre den kapitalistischen Tiger reiten, bleibt abzuwarten.

Jahrhundert 27 Was war wirklich neu am Historiker, die Antennen hatten, haben schon früh erkannt, wohin die Reise ging. Henry Adams prognostizierte zu Beginn des Jahrhunderts, jeder Amerikaner, der das Jahr erlebe, werde unbegrenzte Energien" beherrschen können: Er würde in komplizierten Kategorien denken können, die einem früheren Geist unvorstellbar waren Für ihn würde das Jahrhunden auf derselben kindischen Ebene liegen wie das vierte Jahrhundert.

In dieser Perspektive wird das Zusammenwirken von moderner Industrie, moderner Naturwissenschaft und moderner Technik als dominanter Faktor des Das macht sich seit Mitte des Jahrhunderts verstärkt bemerkbar, gewinnt durch die Weltkriege des Jahrhunderts sowie den Kalten Krieg zusätzliche Dynamik und prägt seit langem die Struktur der globalen Systeme.

Es waren nicht nur Historiker, sondern vor allem auch Soziologen und Philosophen, die anfangs den Blick auf diese Grundtendenz gelenkt haben. Von Werner Sombart war schon die Rede. Max Webers diesbezügliche Beobachtungen sind allbekannt. Jahrhundert ein universalgeschichtlicher Umbruch alles unwiderruflich verändert.

Der Vorgang der Globalisierung durch Ausbreitung der naturwissenschaftlich-technischen Zivilisation des Abendlandes wurde durchaus schon genau diagnostiziert, auch wenn der Begriff noch nicht existiert.

Auch Karl Jaspers diagnostizierte das wissenschaftlich-technische Zeitalter, dessen Umschmelzung wir heute an uns erfahren", und stellte fest: Es gab bisher noch keine Weltgeschichte, sondern nur ein Aggregat von Lokalgeschichten. Die eigentliche Weltgeschichte beginne jetzt erst: Wir fangen gerade an. Jahrhundert Umwälzungen, die man an Tiefgang nur mit der neolithischen Revolution" vergleichen könne Ähnlich dachte Arnold Toynbee in England.

Er war neben vielem anderen auch Vorläufer einer biosphärischen Geschichtsbetrachtung. In seinem letzten Werk aus dem Jahr , das den bezeichnenden Titel Menschheit und Mutter Erde" trägt, arbeitet er einen Grundzug zeitgenössischer Geschichte heraus: Wissenschaft ist primär spezialisierte Forschung. Wirtschaftsgeschichte und politische Ökonomie, Technikgeschichte, Geschichte der Naturwissenschaft, Geschichte der internationalen Beziehungen.

Auch die perspektivenreiche Oxford History of the Twentieth Century" vermag diesen vielleicht wichtigsten Aspekt der Geschichte des Jahrhunderts nur mittels Buchbindersynthese zu erfassen. Alan Ryan präzisiert dort den Gesamtvorgang wie folgt: The central fact of the twentieth Century is that the modern Western world has swept the rest of the world into its economic, technological, and, less straight forwardly, cultural orbit. Das Neue, um dessen Verständnis sie sich bisher vorrangig müht, sind - wie eben skizziert - die totalitären Bewegungen und Regime des Sie stellen in der Tat einen Bruch mit dem legitimistischen und liberal-bürgerlichen In universalgeschichtlicher Sicht freilich können die Weltkriege des Jahrhundert 29 griffen werden.

Auch die Kooperations-, Bündnis- und Blocksysteme, wie sie seit der Jahrhundertmitte im atlantischen Raum oder im Ostblock entstanden, sind zwar schon im Vergleich mit den Anfängen des Jahrhunderts und erst recht mit dem Sie fallen aber dennoch in die wohlbekannte Kategorie der kooperativen Verbindung von Staaten und Gesellschaften bzw.

Eine völlige Neuerung sind allerdings die seit den fünfziger Jahren auf- und ausgebauten europäischen Integrationssysteme. Wer sie jedoch mit dem Deutschen Bund oder dem Deutschen Zollverein vergleicht, mit denen die Regierungen zwischen und der Reichsgründung durch Bismarck experimentiert haben, kann auch hier einige Analogien erkennen.

In universalgeschichtlicher Perspektive ganz neu ist also wohl tatsächlich in erster Linie die technisch-naturwissenschaftlich-ökonomische Globalisierung.

Derzeit nimmt überhaupt die Neigung zu, es als ein Jahrhundert der Abschiede zu begreifen. Dabei wird vielfach der Verfall von Werten und Selbstverständlichkeiten diagnostiziert, welche die Gesellschaften, so meint man, zusammenhalten. Der Zeitgeschichtsforschung fällt es nicht schwer, das Wo viel Rauch ist, da ist auch Feuer. Grundprobleme globaler Politik an der Schwelle zum Ralf Dahrendorf, keiner von den Ängstlichen, gibt in der Oxford History of the Twentieth Century" erneut der Sorge Ausdruck, der von der Globalisierung erzwungene gesellschaftliche Wandel könne die Ligaturen" der Zivilgesellschaft überstrapazieren.

Daneben, so schreibt er, drohen weiterhin die wohlbekannten Übel des Nationalismus und der religiösen Intoleranz Jahrhunderts jedes transzendente Legitimationsprinzip und jede transzendental begründete Einschränkung einer rein menschlichen Macht fehlt" Die Familien zerfallen, die Verbrechensrate nimmt zu, und das Vertrauen in der Gesellschaft schwindet.

Die liberale Demokratie erscheine zwar am Ende des Jahrhunderts als alternativlose Institution für technologisch fortgeschrittene Gesellschaften, doch deren kulturelle Basis sei gefährdet: Dies alles wird in den Dimensionen dynamischer Gesellschaften registriert, deren Werte, Moden und life-styles natürlich rascheren Veränderungen unterliegen als die politischen Institutionen. Martin van Creveld, ein israelischer Historiker, legt eben eine Monographie vor, deren These bereits im Titel formuliert ist: Aufstieg und Untergang des modernen Staates" In differenzierter Analyse skizziert er den Aufstieg des Staates seit dem Jahrhundert 31 eine gegenläufige Entwicklung erkennen - bis Aufstieg des Staates, der in den totalitären Religionen vergöttlicht wird.

Doch als die totalen Staaten in Deutschland und in Italien zerschmettert sind, bedeutet dies noch nicht das Ende des modernen Staates. Das abendländische Staatsmodell findet im Zeichen der Dekolonisierung weltweite Verbreitung.

Darauf sei aber ab recht abrupt, ganz unerwartet und mehr oder weniger weltweit der Niedergang des Staates in Gang gekommen. Dafür gebe es eine ganze Reihe von Gründen. Der überlastete Wohlfahrtsstaat wird als unfinanzierbar erkannt und vorerst in den angelsächsischen Demokratien kräftig zurückgestutzt.

Die Technologie wird international. Die innere Sicherheit erodiert in den kaum mehr kontrollierbaren Gesellschaften, in denen der Staat - wie in der Dritten Welt schon lange - nur ein sehr unvollständiges Gewaltmonopol besitzt. Selbst in den stabilen Zivilgesellschaften wirkt beim Verfall der inneren Sicherheit vieles zusammen: Es falle dem heutigen Staat zusehends schwer, an die Loyalität seiner Bürger zu appellieren, und die Bereitschaft, für den Staat zu kämpfen oder zu sterben, sei weltweit rückläufig.

Seine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas markiert gleichfalls die siebziger Jahre unseres Jahrhunderts als Phase des Umschlags. Auch er beobachtet wachsende Entfremdung der Bürger aufgrund eines Zuviels" an Staat. Das staatliche Machtmonopol werde zugunsten intermediärer Instanzen und subsidiärer Verbände aufgelöst. Gleichzeitig erfolge in Europa eine Souveränitätsabgabe an die überstaatliche Europäische Union, die weder reiner Bundesstaat noch reiner Staatenbund ist, sondern eine Mischung aus beiden" Zu den Historikern, die am Ende des A State that has no control over its borders is not only a weak State, it is no State at all.

Nationen, nationalistisch oder nicht, werde es noch lange geben, aber was wird aus dem Staat 86? The state would again step forward to expand its role as protector of the citizen against the power of private interests, whether exercised through monopoly, wanton behavior, fraud and deception, or exploitation and direct harm.

Jedenfalls gehört die Frage, ob der moderne Staat heute zumindest in Europa vielleicht fast abrupt zu Ende geht, zu den erregendsten Themen beim Rückblick auf das Jahrhundert des totalen Staates". Die Frage verbindet sich mit der Unsicherheit darüber, wozu sich die Europäische Union entwickeln wird. Dabei tun die zünftigen Zeithistoriker gut daran, sich ins Gewand der Bescheidenheit zu kleiden, wenn sie die Gesamtheit dieses Jahrhunderts in den Blick bekommen möchten.

Jahrhunderts im engeren Sinn ins Auge fassen. Zugleich spricht aber auch viel dafür, das Neue und das historisch Wiederkehrende in universalgeschichtlicher Perspektive zu erfassen. Somit sind Zweifel daran angebracht, ob allein die Zeitgeschichte mit ihrem zeitlich eingeschränkten Fragehorizont die Fragen an das Jahrhundert angemessen formulieren, geschweige denn allein beantworten kann.

In der Tat betreffen viele der hier zu untersuchenden Fragen die politische Geschichte. Aber jede vertiefte Beschäftigung mit den epochalen Fragen des Jahrhundert 33 algeschichte, die Verfassungsgeschichte, die Militärgeschichte, die Geschichte der Ideologien und Mentalitäten, nicht zuletzt die Technikgeschichte Für den Indischen Subkontinent beispielsweise ist das eigentliche Zäsurenjahr. Für Frankreich ist die kritische Umgestaltung in den Anfängen de Gaulies bis mindestens ebenso wichtig wie das Jahr der Befreiung , während das europäische Epochenjahr relativ belanglos ist.

Vor allem auch dort zeigt sich die Beschleunigung historischer Abläufe" Gerhard Schulz. Soll man oder als die wichtigsten Zäsurenjahre betrachten 90? Besonders die Jahre bis von der Rheinlandbesetzung bis zu Stalins Tod und dem Waffenstillstand in Korea gehören zu jenen historischen Beschleunigungsphasen, während derer sich in einem oder in zwei Jahren mehr verändert als sonst in Jahrzehnten.

Der letzte europäische Krieg , Stuttgart Das ist bereits eine ganze Anzahl von Achsen", wobei die Determinanten in der Dimension der technologisch-ökonomischen Superstruktur noch ganz unberücksichtigt sind.

Es ist unmöglich, in den sehr widersprüchlichen Entwicklungen des Jahrhunderts so etwas wie eindurchgängiges Hauptthema zu erkennen, so wünschenswert das aus den jeweiligen politischen Blickwinkeln in volkspädagogischer Hinsicht auch erscheinen mag?

Doch die Aufgabe aller Geschichtsschreibung, auch der Zeitgeschichte, ist und bleibt die Differenzierung. Nuancierung, nicht plakative Versimpelung ist somit geboten. In der Forschungspraxis dominiert aber dann doch - vielleicht unvermeidlicherweise - die nationalgeschichtliche Perspektive.

Dabei konzentriert sich die Forschung aber doch vor allem auf die dramatischen, vielfach traumatischen Erfahrungen der eigenen Nationalgeschichte. In Frankreich kehrt die breit ausgefächerte historische Reflexion doch immer wieder zum Ersten Weltkrieg, seiner Vorgeschichte und seinen Fernwirkungen sowie zur Vorgeschichte und zu den Nachwirkungen einerseits von Vichy, andererseits der Resistance mit den Geschichtsmythen des Gaullismus und der kommunistischen Partei zurück.

Die russische Historiographie arbeitet seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre zögernd die leninistische und stalinistische Vergangenheit auf. Die traumatischen Themen der deutschen Zeitgeschichtsforschung sind hinlänglich bekannt. Der Blick auf das Jahrhundert als Ganzes stellt demgegenüber eine nützliche Korrektur der notwendigen, partiell aber auch sterilen Diskussion über die jeweiligen nationalen Sonderwege, Erfolgsgeschichten oder Katastrophen dar.

Allein der Vergleich der jeweiligen nationalgeschichtlichen Besonderheiten untereinander und zugleich das Studium der epochalen Entwicklungen in regionalem und globalem Rahmen lassen erkennen, wo tatsächlich die interessantesten Forschungsfragen liegen. Bewegte Epochen sind so, nicht erst im Zugleich allerdings sieht man sich doch auch an die geschichtstheoretischen Betrachtungen Goethes in dem berühmten Gespräch mit dem Historiker Heinrich Luden erinnert: Und wenn Sie nun auch alle Quellen zu klären und zu durchforschen vermöchten: Die Menschen haben sich untereinander gequält und gemartert Nur wenigen ist es bequem und erfreulich geworden.

Im übrigen aber kehrt viel universalgeschichtlich Bekanntes doch wieder, wenngleich in globaler Ausdehnung und in vielfach titanischer Übersteigerung, wozu auch der Titanismus des Bösen gehört. Der britische Universalhistoriker J. Hier zeigt sich eine bemerkenswerte Paradoxie. Europa, machtpolitisch auf den eigenen Kontinent zurückgezogen hat, erzielten die technisch-naturwissenschaftlich-ökonomischen Auswirkungen des abendländischen Geistes, aber auch das spezifisch moderne Konzept europäisch-abendländischer Menschenrechte eine beispiellose weltweite Tiefenwirkung.

Somit verdient auch die Deutung von J. Roberts Beachtung, der den Gesamtvorgang in einer veröffentlichten Studie The Triumph of the West" wie folgt interpretiert hat: Die Wirkungen des Abendlandes auf die übrige Welt sind unauslöschlich. Die Geschichte ist durch das Abendland verändert worden, das aus der Welt eine Welt gemacht hat So wie erst die geschichtlichen Erfahrungen des Jahrhunderts erlaubt haben, wird das Jahrhundert neue, vielleicht die richtigen Fragen an das Jahrhundert zu richten erlauben.

Sollte - oder vielleicht auch kann - man über Geschichte schon schreiben, während sie noch qualmt? Sie sollten sich aber beim Rückblick auf das Jahrhundert häufiger als allgemein üblich doch die zweifelnde Frage stellen: Vermögen wir wirklich schon alles auch nur halbwegs richtig zu erkennen? Hat Goethe, wie eingangs zitiert, nicht doch recht, wenn er feststellt,,,jetiefer man ernstlich eindringt, desto schwierigere Probleme tun sich hervor"?

Roberts, Der Triumph des Abendlandes. Eine neue Deutung der Weltgeschichte, Düsseldorf , S. Essays, Düsseldorf Erstausgabe , S. Aristide Briand am 8. November 1 I. Niemals waren wir in einer stärkeren Situation" 2. Ein zentraler Bestandteil des Versailler Vertrags ging verloren, weitere tiefgreifende Revisionen auf Frankreichs Kosten sollten folgen. Diese erstaunliche Niederlage des mächtigen Frankreich wird gemeinhin mit der Weltwirtschaftskrise erklärt, die seine internationale Stellung geschwächt und Deutschlands Befreiung von den Reparationsverpflichtungen erzwungen habe 3.

Doch die Depression war kein rein ökonomisches Phänomen. Frankreich ist phantastisch stark. England, Italien und [ Archiv Institut für Zeitgeschichte, München künftig: Die Krise liquidiert die Reparationen", S. VfZ 48 Oldenbourg Mithin darf das Ende der Reparationen nicht lediglich auf die ökonomischen Rahmenbedingungen zurückgeführt werden. Es war vielmehr auch politisch bedingt: Frankreich gelang es nicht, seine Konzepte zur Stabilisierung des internationalen Systems durchzusetzen.

Um diese Hypothese zu untermauern, soll im folgenden untersucht werden, welche Stabilisierungskonzepte Frankreich von bis verfolgte und warum es ihm nicht gelang, sich mit seinen Verhandlungspartnern auf eine gemeinsame Strategie zu einigen 6. Zunächst sind jedoch einige Bemerkungen zur Rechtsgrundlage der Reparationspolitik in den Jahren bis vorauszuschicken: Das nach dem provisorischen Dawesplan vermeintlich endgültige Reparationskonzept war im Frühjahr von einem internationalen Expertenkomitee erstellt worden.

Obwohl das Gremium eigentlich unabhängig sein sollte, hatte die Regierung den französischen Sachverständigen Jean Parmentier in einer ausführlichen Instruktion auf Ziel- 4 Zum Begriff der Vertrauenskrise, der bei Zeitgenossen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte, vgl.

Documents of British Foreign Policy künftig: AEF , B ; Temps vom , in: Das Gutachten des Beneduce-Ausschusses. Bericht des Beratenden Sonderausschusses Dezember , Frankfurt a. Die Deutschen fügten sich den Vorstellungen ihrer Gläubiger, weil man ihnen dafür den vorzeitigen Abzug der Besatzungstruppen aus dem Rheinland versprach und weil zum anderen im Falle einer Ablehnung schwere Finanzprobleme drohten: Mai in Kraft 8.

Diese teils in Sachlieferungen, zumeist aber in Gold oder Devisen zu zahlende Summe war zweigeteilt: Dieser Teil der Reparationen sollte bei einer Senkung der Kriegsschulden vermindert werden, und bei Zahlungsschwierigkeiten war vorgesehen, seinen Transfer in Devisen für zwei Jahre aufzuschieben.

In diesem Fall hatte Frankreich einen Garantiefonds einzurichten, mit dem etwaige Finanzschwierigkeiten kleinerer Reparationsgläubiger überwunden werden sollten. Das wichtigste Ziel, das die Franzosen mit dem Youngplan verfolgten, war finanzielle Sicherheit. Im Mai wurden in der sog. Younganleihe Reparationen im Wert von Mio. Gerd Hardach, Weltmarktorientierung und relative Stagnation. Währungspolitik in Deutschland , Berlin , S. Wichtiger noch, durch die Mobilisierungsmöglichkeit seien die Reparationen auch mit den Privatschulden rechtlich gleichgeordnet und das Vertrauen der internationalen Kapitalmärkte in Deutschlands Fähigkeit, diese zu bedienen, eng mit pünktlichen Reparationszahlungen verbunden: Auf Grund der so erreichten finanziellen Sicherheit schien es auch möglich, sich der übrigen Reparationsgarantien zu begeben.

Neben finanziellen Pfändern und der Rheinlandbesetzung betraf das die im Versailler Vertrag festgeschriebenen Sanktionsrechte. Der Verzicht konnte freilich nur in gewundenen Formulierungen ausgesprochen werden, die man in mühsamen Verhandlungen mit den Deutschen gefunden hatte.

Für die Franzosen bedeuteten die endgültige Festsetzung der Reparationen und die Rheinlandräumung die Generalbereinigung des Krieges": Die aus dem Weltkrieg herrührenden Probleme schienen gelöst oder, wie das Saarproblem, über das gleichzeitig Verhandlungen begannen, einer Lösung nahe.

Von dieser Grundlage aus glaubte man, die Annäherungspolitik an Deutschland weiter vorantreiben zu können AEF, B ; vgl. Leffler, The Elusive Quest. Revue d'allemagne 12 , S ; Knipping, Ende, S ; vgl. Senat , , S ; zur URD vgl. Hermann Weinreis, Liberale oder autoritäre Demokratie. Mai veröffentlichte, eben dem Tag, an dem der Youngplan in Kraft trat Ein Grund für diese Initiativen war die Sicherheitslücke gegenüber dem Reich, die den Franzosen Sorgen machte, seit die USA den Versailler Vertrag und das damit verbundene Garantieabkommen nicht ratifiziert hatten.

Das Konzept, mit Youngplan und Rheinlandräumung den Weg frei zu machen für eine engere Zusammenarbeit mit dem Nachbarn und damit für eine dauerhafte Stabilisierung Europas, schlug im Frühjahr fehl: Statt der erhofften Dankbarkeit für die Rheinlandräumung kam es in Deutschland zu einem erschreckenden Aufschwung des Nationalismus. Dies zeigte sich etwa in der Antwort auf Briands Europaplan: Die neue Reichsregierung unter dem rechtskatholischen Kanzler Heinrich Brüning verlangte als Voraussetzung für seine Mitarbeit kaum verhohlen tiefgreifende Revisionen des Friedensvertrags Nicht zuletzt auf Grund der Empörung über Nr.

AEF, B ; zu den ergebnislos verlaufenden Saarverhandlungen vgl. Knipping, Ende, S und Vgl. Keeton, Briand's Locarno Diplomacy. Diplomacy and Statecraft 3 , S Vgl. Weltkrieg, Koblenz , S Vgl.

Berthelots Brief an Briand vom: Wenn es uns [ Georges Suarez, Briand, Bd. Historische Zeitschrift , S ; allgemein zum Wettersturz des Sommers " vgl. Der Druck auf die Regierung nahm beinahe stetig zu, die Erfüllung des Youngplans bald wieder aufzukündigen Dies hätte, wie Jean-Jacques Bizot, der Sous-directeur in der Zentralstelle des Finanzministeriums, errechnete, nicht nur finanzielle Verluste von umgerechnet knapp einer Milliarde RM zur Folge gehabt, sondern auch erhebliche Schwierigkeiten bei den interalliierten Schulden: Das Kriegsschuldenabkommen mit den USA erlaubte nämlich anders als der Youngplan einen Transferaufschub nur für die Zins-, nicht aber für die Tilgungszahlungen.

Die Rechtspresse, die an sich die Regierung unterstützte, polemisierte scharf gegen 17 Vgl. Madison , S Vgl. Margeries Telegramm vom , in: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Bonn künftig: Aufzeichnungen aus den Jahren , hrsg. Thilo Vogelsang, Stuttgart , S. Eine Revision der Verträge bedeute zuerst den Krieg und dann [ Tardieu setzte wie sein Nachfolger Pierre Laval weiterhin auf das Konzept, Europa durch wirtschaftliche und finanzielle Interessenverflechtung und Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland dauerhaft zu stabilisieren Zwar sei er aus innenpolitischen Gründen in ständiger Versuchung, doch die Schädigung des deutschen Aus- 20 Ann.

Tardieu, Epreuve, S ; Hoeschs Telegramme vom 6. Ami du peuple vom und weiteres Pressematerial, in: Ebenda und ; Hoeschs Telegramm vom selben Tag, in: Margeries Bericht vom und Brief des Sachlieferungskommissars de Peyster vom , in: Ebenda, R ; Bülows Übersicht für Hindenburg vom , in: Die erneuten massiven Kreditabzüge, mit denen die Finanzmärkte auf das Reichstagswahlergebnis reagiert hatten, waren in der Tat eine mehr als deutliche Warnung gewesen Sie sei vielmehr ein geeignetes Mittel zur Überwindung der Haushaltsund Wirtschaftskrise, die Gaillet-Billotteau für eine durch die Finanzpolitik der zwanziger Jahre verstärkte, ansonsten aber normale, vorübergehende Depression" hielt Drittens würde nach der neoklassischen Volkswirtschaftslehre das Spiel der ökonomischen Gesetze dahin tendieren, automatisch ein Gleichgewicht in der Zahlungsbilanz herzustellen".

Zahlungsschwierigkeiten, die zur Erklärung des Transferaufschubs berechtigten, seien praktisch ausgeschlossen Damit dessen Minderheitsregierung nicht aus innenpolitischen Gründen zu Entscheidungen gezwungen würde, die sie nicht wünscht", drängte Gaillet-Billotteau darauf, sie durch Finanzhilfe zu stabilisieren. Das könne das etwas zerbrechliche Leben des Youngplans verlängern und es uns erlauben, den Augenblick abzuwarten, wo die Vereinigten Staaten bereit wären zu verhandeln" Auch zum folgenden vgl.

Gaillet-Billotteaus Berichte von Juli bis März , in: AEF, B und ; zur Ratlosigkeit, mit der die Regierung Brüning dem Dilemma gegenüberstand, aus innenpolitischen Gründen die Revision des Youngplans angehen, sie aus kreditpolitischen Gründen aber vermeiden zu müssen, vgl.

Schäffer-Tagebuch vom , in: AEF, B , und vom , in: Ami du Peuple vom , in: Keynes' Views on the Transfer Problem, in: Histoire d'une conversion , Paris , Bd. Sie strebte nämlich einen reinen Goldstandard statt des üblichen Golddevisenstandards an.

Weil durch diese Thesaurierungspolitik das ohnehin überbewertete Pfund Sterling unter Dauerdruck geriet, forderten die Briten, Frankreich solle seine Währungspolitik ändern, die sie für die Ursache der ungleichgewichtigen Weltgoldverteilung und damit der Weltwirtschaftskrise hielten Eine Senkung des Diskontsatzes und persönliche Kontakte zwischen Bizot und dem Finanzberater der britischen Regierung, Sir Frederick Leith-Ross, Anfang verbesserten zwar das Klima vorübergehend, doch eine grundsätzliche Einigung über die Regeln des Goldstandardspiels gelang nicht In dieser Situation projektierte Robert Coulondre, der Sous-Directeur der handelspolitischen Abteilung am Quai d'orsay, eine mehrstufige Wirtschafts- und Finanzhilfe für Deutschland, die schrittweise von einer Ausweitung der Reparationssachlieferungen über die Einführung deutscher Aktien an der Pariser Börse bis zu langfristigen Anleihen gehen sollte.

Nötig sei insbesondere ein formeller Verzicht auf eine [ Bizots Aufzeichnung vom , in: Ebenda, B ; vgl. Gaillet-Billotteaus Bericht vom , in: Selbst der verständigungswillige deutsche Botschafter Leopold von Hoesch verwahrte sich gegen die damit verbundenen Zumutungen", die für Brüning innenpolitisch schwerlich zu verkraften waren Grund war die überraschende Veröffentlichung des Projekts einer deutsch-österreichischen Zollunion, das von den Franzosen als Vorbereitung des Anschlusses und als ökonomischer Hebel verstanden wurde, um ihr Bündnissystem in Zentraleuropa aufzubrechen Entsprechend hoch schlugen die Wogen der Empörung, und wieder hatten sie innenpolitische Schwierigkeiten für die Regierung zur Folge: Weil Briand noch am 3.

Mai wurde er in der Kammer von Abgeordneten der Regierungsmehrheit heftig attackiert, und wenige Tage später scheiterte er bei der Wahl zum Staatspräsidenten. Briand und sein Ministerium verloren in der Folge die Initiative in der Deutschlandpolitik, die von nun an vom Ministerpräsidenten, von Finanzminister Pierre-Etienne Flandin und nicht zuletzt vom Unterstaatssekretär für Wirtschaft, Andre Francois-Poncet, gestaltet wurde Von diesem stammte denn auch die französische Strategie gegen die Zollunion: Er erstellte einen plan constructif", der durch Handelspräferenzen für die Staaten Mitteleuropas und eine Kartellierung ihrer Industrien das deutsch-österreichische Projekt überflüssig machen sollte.

Dies ist jedoch nur eine Drohung. Francois- Poncet wollte also Frankreichs Finanzstärke instrumentalisieren, um bei der Schaffung der Voraussetzungen für die engere Zusammenarbeit nachzuhelfen, die er an- 30 Bülows Aufzeichnung vom , in: Tatsächlich gelang es, das Zollunionsprojekt mit eben den finanzdiplomatischen Methoden zu kippen, die der Unterstaatssekretär für Wirtschaft skizziert hatte, wenn sie auch nicht gegen Deutschland, sondern gegen Österreich angewandt wurden: Nachdem die Alpenrepublik im Mai in eine schwere Banken- und Währungskrise geraten war, machte Frankreich, das allein noch zu Kreditvergabe in der Lage war, jede Hilfe von einem Verzicht auf die Zollunion abhängig.

Gegenüber Deutschland aber versagten die finanzdiplomatischen Mittel: Zum einen waren die meisten kurzfristigen französischen Kredite schon im Herbst aus Deutschland abgezogen worden 35, zum anderen konnte Brüning keine Finanzhilfe mehr annehmen: In der deutschen Öffentlichkeit wurde im Frühjahr vehement gegen neue Morphiumspritzen" polemisiert: Schreiben an die Botschaft in Paris vom , in: Der Tag vom Schäffer-Tagebuch vom und 1.

Dieser Aufruf löste auf den durch die österreichische Krise verunsicherten Finanzmärkten eine Panik aus: Innerhalb von etwas mehr als einer Woche verlor die Reichsbank über Mio. Nun rückte eine echte Zahlungskrise und damit der Transferaufschub bedenklich nahe, den Brüning doch eigentlich umgehen wollte Bizot strich noch einmal die Gefahren eines Transferaufschubs heraus und mahnte, sich rechtzeitig mit den anderen Gläubigermächten auf eine gemeinsame Politik zu einigen Zudem waren Briten und Amerikaner über Frankreichs Österreichpolitik entsetzt, die sie für nackte Erpressung hielten.

In dem Moment, wo Frankreich auf die Kooperation der Siegermächte gegen die unmittelbar bevorstehende Reparationskrise angewiesen war, stand es weitgehend allein da Am Quai d'orsay sah man noch eine andere Gefahr: Akten der Reichskanzlei, Kabinette Brüning, Dok. AEF, B Zitat vom 7. Rueffs Telegramm vom , in: Daher rieten Coulondre und Berthelot den Deutschen am Juni zum Transferaufschub, den aber auch sie am liebsten vermieden hätten Auf Grund der negativen deutschen Haltung führte dies aber nicht weiter In dieser bedrohlichen Lage veröffentlichte der amerikanische Präsident Herbert Hoover am Juni den Vorschlag, Reparationen und interalliierte Schulden für ein Jahr aufzuschieben.

Damit wollte er Deutschlands Fähigkeit retten, seine privaten Auslandskredite zu bedienen, eine Revision der interalliierten Schuldenabkommen verhüten, die bei einem Zusammenbruch des Youngplans in Mitleidenschaft gezogen würden, und den globalen Märkten einen Vertrauens- und Konjunkturimpuls geben.

Tatsächlich schnellten die Aktienkurse weltweit in die Höhe Auch in Paris haussierte die Börse, doch die Regierung war entsetzt: Der amerikanische Vorschlag lief ja auf einen Aufschub auch der ungeschützten Annuität hinaus, die vom Transferaufschub doch explizit ausgeschlossen war.

Im Finanzministerium analysierte man daher das amerikanische Stabilisierungskonzept als allzu simplen Vorschlag [ Zitatensammlung der Reichsbank vom , in: Schulthess' Europäischer Geschichtskalender, S. Der deutsche Volkswirt vom und weiteres Material, in: Trotzdem entdeckte man in Paris an Hoovers Vorschlag auch positive Seiten: In den Kabinettsberatungen am Juni konnten sie sich indes nicht durchsetzen: Dieses Geld solle für Kredite an die Länder in Südosteuropa verwandt werden, deren Finanzlage auf Grund des Scheiterns von Francois-Poncets plan constructif" immer bedrohlicher wurde.

Zudem bezweckten die Franzosen, durch diese von Deutschland zu finanzierende Kredithilfe um den teuren Garantiefonds herumzukommen. Die Haltung war vor allem in der Rücksicht auf die öffentliche Meinung Frankreichs begründet, die über diese zweite unliebsame Überraschung nach dem Zollunionsprojekt hellauf empört war.

Hoesch meldete nach Berlin, seit [dem] Waffenstillstand sei [das] französische Parlament nicht in derartiger Aufregung gewesen" Die 48 Aufzeichnungen aus dem Finanzministerium vom Les Annales vom , in: Parmentiers Note vom , in: Memorandum Lyons vom , in: Aufzeichnung des Vortragenden Legationsrats Emil Wiehl vom , in: Juni in arge Bedrängnis: Dies war jedoch unmöglich, da man nicht mit den Deutschen, sondern mit den Amerikanern zu verhandeln hatte, die sich eine Verquickung ihres Vorschlags mit politischen Gegenforderungen rundweg verbaten.

Etwa sechzig Deputierte der Regierungsparteien stimmten gegen Laval, der nun keine Mehrheit mehr hatte. Gerettet wurde er nur durch die Sozialisten, die trotz aller Bedenken den Hoovervorschlag nicht vereiteln wollten und geschlossen für das konservative Kabinett votierten Bei den Verhandlungen mit den Amerikanern, die vom Juni bis zum 6.

Juli in Paris stattfanden, prallten zwei unterschiedliche Stabilisierungskonzepte aufeinander: Mit diesem Konzept, das allzu deutlich auch von ihren Budgetinteressen diktiert war, standen sie international aber weitgehend allein da: Bis auf Jugoslawien stimmten alle anderen Reparationsgläubiger dem Hoovervorschlag zu Juli gelang es dem Regierungschef, das Parlament in die Sommerferien zu schicken Nun konnte , in: Foreign Affairs 10 , S Vgl.

Hoeschs Telegramme vom Bülows Weisung an die Botschaft in Washington vom , in: I, S ; Parmentiers Telegrammwechsel mit amerikanischen Bankiers, in: Erleichtert wurde ihm dies durch eine Erklärung der Reichsregierung, sie würde die Reparationsersparnis des Hooverjahres nur zu rein wirtschaftlichen Zwecken verwenden Die Einigung kam zu spät.

Alle Banken schlossen für mehrere Tage ihre Schalter, der Devisenverkehr wurde genehmigungspflichtig, was einem allgemeinen Auslandsmoratorium gleichkam. Deutschland war zahlungsunfähig, die Reichsmark war keine konvertible Währung mehr Die Franzosen hofften nun, die Deutschen würden endlich bereit sein, sich zugunsten der dringend benötigten Kredithilfe auf politische Voraussetzungen einzulassen.

Die privaten Bankiers aber hingen vom Publikum ab, und das Publikum sehe den politischen Zustand Deutschland gegenüber nicht als hinreichend hergestellt an. I, S und f.

Reichsbankpräsident in Krisenzeiten , Berlin , S. Oeuvre vom und Temps vom , in: Ebenda; Forderungen deutscher Konzessionen Man kann das Wohlverhalten Deutschlands nicht auf dem Weg über dessen Unbeweglichkeit erreichen; es kann allein aus dem Empfinden seiner eigenen Entwicklung erwachsen.

Was die Frage des politischen Moratoriums betrifft, so mache ich mir über diese Formel nicht mehr Illusionen als Sie. Lyon entwickelte ein Konzept für eine dynamische Stabilisierung: Man solle den Deutschen einen Sofortkredit von umgerechnet 2,1 Mrd. RM gewähren, der später in eine internationale Anleihe umzuwandeln sei. Zusätzlich zu deren Verringerung auf ein nicht mehr reduzierbares Minimum" schlug der Rechtsberater des Quai d'orsay eine rasche Lösung der Saarfrage und eine deutsch-französische Zusammenarbeit in den Kolonien vor.

Dadurch würde es den Deutschen möglich werden, den so gemilderten Friedensvertrag endlich zu akzeptieren, was eine Rückkehr des Vertrauens der Finanzmärkte nach sich ziehen würde Im Finanzministerium wurde Lyons Kreditplan jedoch im Sinne des statischen Stabilisierungskonzepts umgearbeitet: Der Papst kommt selbst, tritt zum ersten Male seit vor die auf freiem Platz versammelte Menge Roms.

Ein Hauch aus dem Evangelium, etwas wie ein Widerhall von der Weihnachtsbotschaft schwebt hernieder. Karl Liebknecht, als er, in der Dunkelheit ganz unsichtbar, nur Stimme, im Januar vom Rathaus zu der rotgeschmückten Menge auf dem Alexanderplatz sprach! Wer war der echtere, war der wirksamere Friedensfreund? Liebknecht oder heute der Papst? Ich war, obwohl die Einladung erst auf halb neun lautete, schon um sechseinhalb in der Peterskirche, die bereits um diese Zeit zu drei Vierteln voll war.

Hier entwickelte sich mit den fortgesetzt neu Ankommenden allmählich ein lebensgefährliches Gedränge. Nur Bernini kam zu Worte, nicht Michelangelo. Und zwischen diesen sehr weltlichen Wänden diese Menge, die die Sitten eines Preisboxkampfes hereinbrachte, trug auch nicht zur Andacht oder Erhabenheit bei.

Der Zug schritt sehr langsam hindurch; hielt von Zeit zu Zeit. Man hatte nur das Gefühl einer Vorführung, eines sehr alten und ehrwürdigen und glanzvollen, aber innerlich ganz toten Schauspiels.

Eine Messe in einer Dorfkirche ist seelisch tausendmal prächtiger. Faulhaber macht einen guten Eindruck, männlich und klug, allerdings reaktionär; Bertram alt, weich und vielleicht hinterhältig.

In letzter Zeit vormittags im Museum der Villa Giulia; phantastischer Hochrenaissancebau, sehr schön. Museum römischer und latinischer Altertümer aus der Zeit von etwa v. Man sieht, wie durchtränkt mit griechischer, frühgriechischer, archaischer, ionischer, hellenischer Kunst und Kultur der Boden war, auf dem Rom wuchs. Abends bei Bergens im Grand-Hotel gegessen mit Neurath und seiner Frau, die gestern eingetroffen ist.

Bergen sagte, er sei nicht ohne Besorgnis wegen der weiteren Entwicklung der Politik des Papstes. Er sei ganz und gar Bücherwurm und als solcher Theoretiker und eigensinnig.

Neurath klagte über zu wenig Fonds. Man habe ihm nur dreihunderttausend Lire mitgegeben. Damit könne er nichts machen.

Bei Ankunft auf Brenner und Zollrevision fehlte mein Koffer. Geschrei, Karabinieri, der Wirt wurde blutüberströmt aufgehoben. Ich fragte ihn nachher, was los war. Das haben wir jeden zweiten, dritten Tag so. Jedenfalls vergiftet die Herrschaft einer fremden, nicht gewollten Oberschicht alle Vorfälle und Beziehungen.

Das wissen wir schon aus dem Kriege; es ist im Frieden nicht anders. Abends in Innsbruck, wo mein Bummelzug endgültig haltmachte. Im Hotel kostet ein Kalbskotelett tausend Kronen; mein sehr frugales Abendessen kam auf über dreitausend Kronen. Nach Tisch wurde getanzt, Shimmy und Foxtrott. Als ich nachts um drei weiterfuhr, herrlicher Mondschein; die Berge beschneit und gewaltig über den Häusern der Stadt.

Mir ging das Herz auf nach so vielen Monaten wieder in der deutschen Umgebung. Das schlafende Land herb und geheimnisvoll in seiner feuchten Trächtigkeit. Eine gewisse Gelassenheit zeichnet diese Landschaft, ihre langsam keimende Frucht, den blassen, nur zögernd in den hellen Tag übergehenden Himmel aus.

Sie scheint den Herbst mit seinen braunen, toten Gräsern und Blättern, den Winter mit seinem Schnee und Reif nur ungern abzustreifen. Wie anders als der flammende, rasche Süden, das widerstandslos strahlende Himmelslicht und ungeduldige Hervorbrechen der Blüten schon im Winter an Baum und Strauch. Der Süden ist wie ein stürmisch befruchtender Jüngling: Apollo; der Norden wie eine unter Schmerzen langsam ihre Frucht tragende Frau: Um eins bei Rathenau im A.

Er leitete das Gespräch ein mit ausführlichen Klagen über die Arbeitslast, die er tragen müsse, und die Schwierigkeiten, denen er begegne. Nach seiner Ansicht könne keiner diese Stellung länger als sechs Monate aushalten. Es handle sich darum, der ganzen Maschine des Amts eine Drehung zu geben. Und das sei eine übermenschliche Arbeit. Nachdem acht Jahre lang die deutsche auswärtige Politik ganz passiv gewesen sei, gehe es darum, sie langsam wieder aktiv zu machen, jeden Tag ein Eisen ins Feuer zu schieben, überall im Amt nachzuhelfen.

Denn wenn er etwas auslasse, so entgleite das Gebiet seiner Einwirkung. Aber selbst dann bleibe eine kaum zu bewältigende Last übrig. Das alles könne einer auf die Dauer physisch nicht aushalten. Aber das Schlimmste sei doch die bösartige Gegnerschaft in Deutschland selbst.

Dabei zog er einen Browning aus der Tasche. Am besten stehe er mit den Engländern, dann mit den Franzosen, Italienern, Japanern usw. Wir sprachen dann von meiner Reise nach Paris. Er würde auch gern bei Gelegenheit meine Dienste in Anspruch nehmen. Er fügte noch hinzu: Abends gegessen bei Albert Einsteins.

Irgendeine Ausstrahlung von Güte und Einfachheit entrückte selbst diese typisch Berliner Gesellschaft dem Gewöhnlichen und verklärte sie durch etwas fast Patriarchalisches und Märchenhaftes. Er tritt diese Reise in den nächsten Tagen an und bleibt acht Tage in Paris.

Hier werde sie ihm in Universitätskreisen wohl verdacht werden. Aber diese Kreise seien wahrhaft fürchterlich. Ihn überkomme ein Ekel, wenn er daran denke. Und er hoffe, in Paris etwas für die Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen deutschen und französischen Gelehrten erreichen zu können. Er habe zu seiner Frau gesagt: Ostasien müsse er noch sehen, solange der Rummel anhalte; das müsse er wenigstens davon haben. Ich solle mir eine Glaskugel denken, die auf dem Tisch ruhte und auf deren Spitze ein Licht angebracht sei.

Also eine ganz einfache Vorstellung. Die Oberfläche der Kugel sei, wenn man sie zweidimensional betrachte, eine unbegrenzte, aber endliche Fläche.

Die Käfer bewegten sich also zweidimensional auf einer unbegrenzten, aber endlichen Fläche. Hier hätten wir also die Vorstellung einer zwar unbegrenzten, aber doch endlichen Fläche. Wenn man sich nun statt der zweidimensionalen Käferschatten dreidimensionale konzentrische Kugeln denke, so könne man auf diese genau dieselbe Vorstellung übertragen und habe dann das Bild eines zwar unbegrenzten, aber doch endlichen Raumes dreidimensional.

Aber er begriffe nicht, warum sich die Leute so darüber aufregten. Als Kopernikus die Erde aus ihrer Rolle als Mittelpunkt der Schöpfung stürzte, sei wohl das Aufsehen begreiflich gewesen, weil in der Tat eine Revolution aller menschlichen Anschauungen dadurch vollzogen wurde. Aber was ändere seine Theorie an der Vorstellungswelt der Allgemeinheit? Diese Theorie vertrage sich mit jeder vernünftigen Weltanschauung oder Philosophie; man könne mit ihr Idealist oder Materialist, Pragmatist oder sonst was sein!

Stresemann bei mir gefrühstückt. Er blieb bis vier und erzählte allerlei. Stresemann erzählte dann von den Zuständen in Bayern. Er ist kürzlich zu einer Hochzeit in München gewesen. Der Kronprinz Rupprecht lasse sich nicht mehr halten, obwohl er, Stresemann, ihm auf das eindringlichste abgeraten hätte und obgleich alle acht Tage jemand zu ihm führe, um ihm gut zuzusprechen.

Es bestünden drei Pläne: Nordbayern Franken, Nürnberg werde sich dann von Südbayern lostrennen, ebenso Augsburg: Dagegen hofften die Monarchisten, Tirol und Steiermark anzugliedern.

Sie seien überdies rabiat antifranzösisch, auch Rupprecht. Ein Übergreifen der monarchistischen Bewegung nach Norddeutschland scheint Stresemann nicht zu erwarten.

Extrem moderne Ausstattung und Vorführung: Als ich den einen fragte, was am Gerücht wahr sei, antwortete er: Na ja, Milzalow ist ermordet worden! Um Nabokow ist es schade! Aber Milzalow, der Verräter, der mit Kerenski und andren den Zaren verraten hat, den hätte man schon früher umbringen sollen. Der Schrecken mischte sich in ihm nur mit der Musik des Kabaretts und dem Ressentiment zu einem Gift für andere. Andrerseits ist die produktive Kraft der russischen Kultur und Kunst ungeschwächt.

Vielleicht könnte man amoralisch formulieren: Morden und Zeugen Komplementäre: Bei meinem reaktionären Russen fehlte die Evidenz von beidem.

Alles wird daher mit einer Art von Schimmel, mit dem Moder von allerlei Kompromissen und Zwischenstufen überwuchert. Ich sollte morgen abend mit Milzalow bei Georg Bernhards sein! Ein triviales Abendessen; und heute die Ermordung des einen Gastes.

Vielleicht ist die Hemmungslosigkeit mehr als die Stärke des revolutionären Willens das Charakteristische der meisten revolutionären Epochen und Taten.

Wir stehen in einer Epoche wie die des Hellenismus oder der römischen Bürgerkriege, wo der politische Mord nichts mehr bedeutet. In einer amoralischen Epoche ist er politisch ebenso bedeutungslos wie irgendeine natürliche Todesform.

Zum Kapitel politische Morde fällt mir ein, was mir Stresemann neulich Er war ja immer schon feige, wie sich in Moskau gezeigt hat. November sich bei Paul Schwabach versteckt habe! Es sei aber anders gekommen! November in ihrer krankhaft feigen Phantasie fürchteten und vor dem sich diese Stützen des Thrones und des Altars bei jüdischen Bankiers und in Kellerlöchern verkrochen! Je näher dem Throne, um so mehr wie von Feigheit verpestet. Abends mit ihm, Johst und seinem Freund Balthasar in der Loge.

Gute, wirksame Regie, zerhackt, eckig, symbolisierend wie das Stück. Dieses ist ein gut funktionierendes Linienspiel, aber ohne viel menschlichen Inhalt. Ein guter Einfall, der die ganze Idee erschöpft, aber von Johst nicht recht in seinem Wert begriffen oder herausgebracht wird. Der weltverbessernde König befiehlt einem Kammerherrn, eine Dirne durch die Stadt zu führen, und der Kammerherr rächt sich, indem er die Dirne unter einer Verkleidung dem König wieder zuführt und als Mätresse anhängt.

Damit ist schon alles gesagt; der König hat die Welt auf den Kopf stülpen wollen, und statt dessen stülpt ihn die Welt auf den Kopf. Aber das ist schon in der dritten oder vierten von den zehn Szenen vollbracht, und alles übrige erscheint nachher wie ein schwerfälliger Nachtrag. Wie geistvoll hätte Voltaire diesen Einfall zum Symbol erhoben! Und wenn man über das Künstlerische hinausgeht oder das Stück als eine Kritik von Ideen nimmt also: Trotzdem ist das Stück ein die Aufmerksamkeit fesselnder, technisch nicht gleichgültiger Versuch, der zweifelloses Bühnentalent verrät.

Johsts zerknittertes Gesicht, an Schickele erinnernd, gefiel mir sehr, obwohl er offenbar aus ziemlich flachem politischem Wissen reaktionär orientiert ist, für Ludendorff schwärmt und mit diesem nach seiner eigenen Darstellung sogar persönlich fast befreundet ist. Er ist frisch, ehrlich, gar nicht verrannt, gibt die Beschränktheit seiner politischen Kenntnisse und Ausblicke zu, erzählt sehr farbig und amüsant.

Dieses geschriebene Stück war prophetisch. Unruh und die Historie wendeten die Sache aber ins Tragische. Langes Gespräch unter vier Augen mit d'Abernon. An der Markentwertung sei ganz allein die deutsche Regierung schuld durch die Notenpresse. Am Tage, wo die Notenpresse zu funktionieren aufhöre, werde die Mark stabilisiert sein.

Deutschlands wirtschaftliche Situation sei heute allerdings schlechter als vor einem Jahr; auch werde Deutschland, wenn einmal die Mark stabilisiert werde, durch eine schwere Krisis hindurchgehen müssen. Aber politisch sei Deutschlands Stellung heute viel günstiger als vor Jahresfrist. Darauf sollten wir sehen. Von Genua schien er nicht sehr viel zu erwarten; wurde aber fast böse, als ich auf Boulogne und das Nachgeben von Lloyd George anspielte. Von diesem steten Nachgeben Englands spreche man hier; aber das sei eine ganz falsche und ungerechte Anschauung.

Am meisten verspreche er sich in Genua von Tschitscherins Anerbieten, die Rote Armee abzurüsten, weil damit die ganze Abrüstungsfrage ins Rollen kommen müsse, ob die Franzosen es wollten oder nicht.

Eine fast komödienhafte Situation: Jetzt erklärte ich mir auch seinen Ärger über meine Anspielung auf Boulogne. Auf die wirtschaftliche Lage Deutschlands zurückkommend, wies er auf den neuen Mittelstand hin, den er überall hier in den Theatern treffe.

Woher kämen diese Leute? Das sei die Frage, die er sich immer wieder vorlege; ein sehr anziehendes soziologisches Problem!

Villard über Stimmung in Amerika: Von der Intensität und Raffiniertheit dieser Propaganda, die Villard wiederholt als diabolisch bezeichnete, machten wir uns hier keine Vorstellung dasselbe sagte mir neulich Crosby.

Daher sei die Stimmung drüben noch immer auch stark antideutsch. Ich fragte Villard, was geschehen würde, wenn die Franzosen das Ruhrgebiet besetzten. Die Stimmung gegen Frankreich werde sich sehr verschärfen, aber tun würde Amerika nichts; dazu reiche es nicht. Er meinte als Erklärung und sozusagen Rechtfertigung für die Kriegspropaganda gegen Deutschland: Als Wilson den Krieg erklärte, sei die Majorität der Amerikaner dagegen gewesen; bei einer Volksabstimmung hätten siebzig Prozent gegen den Krieg gestimmt.

Daher sei die amerikanische Regierung genötigt gewesen, eine tolle Propaganda gegen Deutschland zu entfesseln, um ihre Kriegserklärung nachträglich zu rechtfertigen. Früh in Basel auf dem Bahnsteig Jäckh getroffen, der nach Genua reist. Es ist wie die Pilgerzüge zu einem mittelalterlichen Konzil. Nachmittags fort aus Lugano nach Genua. In Chiasso, an der Grenze, überschlugen sich die für die Konferenzteilnehmer angestellten besonderen italienischen Kommissare in Höflichkeiten, liefen überall mit, sahen nach Platz im direkten Wagen und nach dem Gepäck.

Mehr kann man wirklich nicht verlangen. Wie sich herausstellte, hatte mein Kommissar, den ich zu mir ins Kupee einlud, noch zwei Unterkommissare mit, die dauernd im Seitengang patrouillierten. Auch stark mit Guardien besetzt. Um zehn nach Nervi. Ich wohne sozusagen im Meer. Das Hotel steht auf den Strandklippen. Das Meer rauscht und donnert unmittelbar unter meinem Fenster.

Der fast volle Mond scheint heute in der warmen Nacht etwas wässerig, aber hell auf den Wellenschaum und die weit hinaus tanzende See. Früh im Eden-Hotel Prittwitz und Oberstleutnant Simon gesehen, die mir nacheinander den Wunsch aussprachen, eine private Zusammenkunft zwischen Rathenau und Seydoux herbeizuführen. Bei Hesnard sondiert wegen der Zusammenkunft Rathenau-Seydoux.

Er will mir morgen oder übermorgen Antwort geben. War gegen Rathenau verstimmt, weil er ihn in Berlin kühl behandelt habe. Simon die Antworten und Wünsche der Franzosen mitgeteilt. Aber alles funktioniert im Büro der Entente noch miserabel. Alle Häuser ringsherum am Hafen beflaggt und bis oben hin ihre Fenster mit gaffendem Alltag gefüllt.

Dieser mit den Masten und Schiffsschornsteinen des Hafens zusammen passende Rahmen für die erste Arbeitskonferenz mit Kommunisten. Das Bild der Konferenz selbst: Die lebenden Berühmtheiten unten an grünen Tischen im doppelten geschlossenen Hufeisen unter einem am hellichten Tage brennenden Kronleuchter, weil der Saal etwas gruftartig dunkel ist. Dicht hinter Tschitscherin in einem Sessel ein Kardinal.

Einige Matrosen als Saaldiener. Die ersten Reden Facta, Lloyd George, Wirth — Barthou hörte ich zufällig nicht, da ich während seiner Rede abwesend war — wurden verlesen und gleichzeitig im Umdruck verteilt; sie wirken etwas akademisch: Wirth bekommt peinlich starken Applaus.

Sein Auftreten ist die kleine, erwartete Sensation. Leben kommt erst in die Bude, als Tschitscherin aufsteht. Allgemeines Rauschen der Erwartung. Doch der erste Eindruck enttäuscht. Allmählich versteht man einzelne Worte und dann Sätze.

Er verkündet die Bereitwilligkeit der Russen, am Wiederaufbau der Welt mitzuarbeiten, also kapitalistische und kommunistische Wirtschaftsgebilde nebeneinander bestehen und miteinander konkurrieren zu lassen. Diese Worte über die Abrüstung schien Tschitscherin mit betonter Absicht feierlich und deutlich zu sprechen.

Dann setzt er sich unter schwachem Beifall. Nun erwidert Tschitscherin sehr geschickt und sogar boshaft: Die Abrüstungsfrage stehe allerdings nicht auf der Tagesordnung, die in Cannes verabredet sei. Aber ganz besonders sei die russische Regierung zu ihrem Abrüstungsvorschlag durch die Rede des Herrn Briand in Washington angeregt worden, in der er als Haupthindernis einer französischen Abrüstung die russische Rote Armee genannt habe.

Man schmunzelt im Zuschauerraum. Tschitscherin hat Barthou mit Geist abgefertigt. Aber allerdings die Vorbedingung jeder allgemeinen Abrüstung sei die Entgiftung der Welt, die Wiederherstellung des Vertrauens zwischen den Völkern, die wirtschaftliche Verständigung, wie sie eben Genua bringen solle. Er beschwöre daher Herrn Tschitscherin, zunächst die Abrüstungsfrage aus dem Spiel zu lassen, um nicht das schwerbelastete Schiff der Genueser Konferenz zum Sinken zu bringen. Denn wenn dieses Schiff untergehe, könne Herr Tschitscherin selbst unter den Ertrunkenen sein.

Wenn das Schiff aber glücklich in den Hafen einlaufe, dann könne es hoffentlich nach beendeter Reise wieder neue Fahrten machen; und man werde dann Herrn Tschitscherin, nachdem man gelernt habe, was für ein Passagier er sei, auch gern wieder mitnehmen und vielleicht sogar ans Steuer lassen. Also in der Form eine Abschüttelung der Russen die durch die Ironie besonders fühlbar wurde , in der Sache eine nicht leicht greifbare Polemik gegen die Franzosen.

Der Erfolg dieser in einem leichten Plauderton vorgetragenen, sehr ernsten Staatshandlung war durchschlagend. Die ganze Konferenz mitsamt den Zuschauern und Journalisten applaudierte stürmisch und minutenlang. Lloyd George war wieder einmal der Zauberer. Alle hatte er entzückt!

Kaum war der Beifall verrauscht, meldet sich Tschitscherin zu Worte. Facta bittet ihn, darauf zu verzichten, da diese Debatte hier nicht zu Ende geführt werden könne und keinen Zweck habe. Da springt Barthou wütend auf. Er wolle nur wenige Worte sagen. Facta, hochrot, erhebt sich und schneidet ihm das Wort ab.

Was er als Präsident der Konferenz gesagt habe, gelte für alle, für die eine Partei ebenso wie für die andere. Aber Barthou setzt sich nicht, sondern redet weiter, stellt in einem höchst gereizten Ton die Frage, ob alle Teilnehmer der Konferenz die Abmachungen von Cannes anerkennten oder nicht: Dieses Mal werden die sehr spärlichen Applausversuche in einem diskreten Zischen erstickt. Die kleinstädtische Ungewandtheit Barthous, die propagandistische Schlauheit Tschitscherins, die überlegene weltmännische Diplomatie und Debattierkunst Lloyd Georges und das Professorale der deutschen Delegation bleiben als Eindrücke dieser ersten Sitzung übrig.

Diese Premiere war das Reisegeld wert. Nachher Spaziergang mit Prittwitz oben auf der Höhenpromenade. Über die bayerisch-französische Gefahr, die er ähnlich ernst einschätzt wie ich. Wirths Rede findet er wie ich unverantwortlich schwach und leer. Ludwig Stein meinte, Oscar Müller, der sie gemacht hat, werde vielleicht darüber stürzen.

Insofern war sie auch ein schwerer diplomatischer Fehler, weil sie uns die absichtliche und an sich richtige Zurückhaltung erschwert. Nicht ein Geistes- oder Herzensblitz, wenn man nach acht furchtbaren Jahren zum ersten Mal gleichberechtigt an den Konferenztisch tritt! Kein Format, dem irgend jemand im Auslande oder Inlande noch zutrauen kann, Deutschland wieder auf den Wegen der Zukunft emporzuführen.

Tschitscherin hat gestern zwei Tage Bedenkzeit gefordert und will morgen einen neuen Aufschub verlangen. Wie wir uns stellen werden, steht noch nicht fest. Er denke nur noch an das Urteil der Deutschen Volkspartei. Dieser machte auf mich einen unerfreulichen Eindruck. Der typische kleine Literat, von Neid und Impotenz verbogen. Das ist schon ein sehr wesentliches Ergebnis von Genua; um so mehr, als es gegen die heftige Opposition von Frankreich, aber mit Zustimmung aller Neutralen und selbst der kleinen Entente Polen!

Mit Rathenau und Wirth gegessen. Wirth, den ich bei dieser Gelegenheit kennenlernte, enttäuschte mich stark. Hinter Nebeln von Selbstberäucherung und Wein hält er sich scheints für einen Olympier. Rathenau bemuttert ihn wie ein alter Kammerherr seinen Serenissimus und war heute sehr besorgt, ob er nicht zum Frühstück zu viel für sein Wohlbefinden getrunken hätte. Vielleicht ist die heutige Form der Demokratie nicht geeignet, andre Männer an die Spitze zu bringen.

Hilferding, der als Mittelsmann zwischen der deutschen und der russischen Delegation dient, war heute wieder in Rapallo bei den Russen und setzte mir die Situation auseinander. Die Russen wollen mit auf unseren Rat, wie Hilferding ausdrücklich betonte erklären: Hilferding hat heute in der Kommissionssitzung Rathenau vorgeworfen: Hilferding fügte hinzu, als er mir das battibecco erzählte: Damit paart sich meist die praktische Schlauheit des irgendwie schlecht Weggekommenen.

Man hält vielfach solche Naturen für musikalisch; aber ihnen fehlt zur Musik der unerbittliche Rhythmus. Die Gesamtsituation ist jetzt so: Das Zentralproblem ist und bleibt das deutsch-französische, das beherrscht wird durch die Reparationen. Man vergleiche Wirth etwa mit Lincoln. Verregneter Ostersonntag in Nervi. Die beiden Unzertrennlichen, Hilferding und Raumer, besuchten mich morgens und nahmen mich zu einem Spaziergang im Regen mit. Nach Tisch musizierten Franz v. Mendelssohn und Heinz Simon Beethoven und Schumann.

Nachmittags gleich nach vier bei Rathenau, der mit Giannini im Garten ging. Er schien etwas den Eindruck dieses Abschlusses auf die Konferenz hier und die Entente zu befürchten. Fragte etwas ängstlich, ob ich schon gehört hätte, wie die Nachricht gewirkt habe? Ihre Position bei den Verhandlungen wird also dadurch wesentlich geschwächt, die der Russen sehr gestärkt. Aufrechnung der Kriegsschulden also Abschaffung des Artikels des Versailler Vertrages , Meistbegünstigung, Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen.

Der Vertrag war schon in Berlin bei der Durchreise der Russen entworfen worden, aber von Rathenau damals trotz Drängens von Maltzan nicht unterzeichnet. Mit Prittwitz und seiner Frau gegessen und im Theater. Hat, wie er sagt, dem Kanzler Mut zugesprochen: Zu uns setzte sich dann Dr. Zifferer von der österreichischen Delegation, der die fassungslose Aufregung der Franzosen und Lloyd Georges schilderte, die über Illoyalität der Deutschen toben.

Bernhard behauptet, das sei alles von Lloyd George eine Komödie, da er Phase für Phase vom Gang unserer Verhandlungen mit den Russen genau unterrichtet gewesen sei.

Bernhard sagt, die französischen Delegierten täten so, als ob sie abreisen wollten; sie packten schon ihre Koffer.

Die französische Delegation versucht also, ihre Presse zu beruhigen. Das englische ist viel heftiger. Besser wäre es aber sicher gewesen weil den Schein der Illoyalität vermeidend , wenn der Vertrag schon in Berlin unterzeichnet worden wäre. Alle Kommissionssitzungen sind heute abgesagt.

Die Entente berät, was sie machen soll. Nachmittags Maltzan und ein paar Minuten den Kanzler gesprochen. Dieser meinte, wir hätten einmal wieder aktiv werden müssen. Jetzt müsse man abwarten, wie die Sache verliefe. Aber man müsse auch mal was riskieren. Sie zerstöre den Geist des Vertrauens, der nötiger als alles andre sei. Wir hätten jedenfalls vorher gegen die Verhandlungen in der Villa Albertis protestieren müssen, wenn wir uns jetzt darauf berufen wollten. Abends Note der politischen Unterkommission an Deutschland, in der wir aus dieser Unterkommission, soweit sie russische Angelegenheiten behandelt, herausgesetzt werden.

Man wartet ab, ob Deutschland daraufhin die Konferenz verlassen wird. Aber vernünftigerweise können wir das nicht. Sehr würdevoll ist weder das eine noch das andre und in der Tat der Wiederherstellung des Vertrauens wenig förderlich. Für mich ist das Wesentliche die Frage: Oder lag diese Gefahr 1 oder 2 nicht vor? Lag sie vor 1 oder 2 , so war Rathenaus Vorgehen gerechtfertigt; lag sie nicht vor, so war es ungerechtfertigt.

Hier fragt es sich weiter, was Giannini gesagt hat und wieweit Rathenau ihm allein trauen durfte, ohne sich weiter zu informieren oder zuerst zu protestieren.

Inzwischen tobt die bürgerliche Presse, auch die italienische, gegen Deutschlands Hinterlist und Unzuverlässigkeit. Wir erleben eine Neuauflage der Kriegspropaganda. Die Unsicherheit und Erregung dauert weiter. Tragischerweise habe Lloyd George Rathenau zu sich gebeten, als dieser schon nach Rapallo abgefahren war. Aber Maltzan soll sagen, wir reisten ab. Beide haben nur die Sache selbst gesehen, aber darüber das Wie, die Ausführung, aus dem Auge gelassen: Rathenaus Psychologie war die des leicht deprimierten Juden Nervenmensch.

Diese fünf, sechs Personen haben die kostbare und mühsam wieder zusammengeleimte Vase des europäischen Vertrauens fallen lassen und von neuem zerschmissen, wobei die Russen nach beiden Seiten aufhetzend und provozierend gewirkt haben.

Moral von der Geschichte: Wir können das überhaupt nicht mehr; die Kunst ist verlorengegangen und nicht wieder zu erwecken, selbst wenn wir sie brauchten.

Hilferding und Raumer drängen, ich soll die Sache in Form eines Interviews in die italienische Presse bringen. Sie scheinen sich irgendeine Wirkung davon zu versprechen. Hilferding berichtete mir über die Situation.

Hierüber hat gestern abend ein Kabinettsrat bis spät nachts stattgefunden. Die Delegation scheint gespalten. Dagegen zurücknehmen könnten wir unsere Unterschrift nicht, da auch die Russen hierfür nicht zu haben wären. Sie die Franzosen könnten ihre Presse und öffentliche Meinung nicht mehr meistern. Nach dem, was er von den Dispositionen von Barthou wisse, werde unsere Weigerung, den Vertrag aufzuheben, das Ende der Konferenz sein.

Im letzten Augenblick sagten die Journalisten, die zur französischen Delegation gehören, Hesnard, Poncet und Massigli, ab. Angeblich soll ihnen Barthou verboten haben zu kommen. Die Italiener meinten, das sei ein schlechtes Zeichen. Er werde irgend etwas Unangenehmes, vielleicht nicht Wiedergutzumachendes sagen. Schon kurz vor vier erschien Lloyd George, setzte sich auf den Präsidentenplatz unter der feierlichen Statue irgendeines Dogen, in seiner Nähe der italienische Ministerpräsident Facta und der italienische Minister des Auswärtigen Schanzer, und stand gleich auf zum Sprechen.

Er redete nur ziemlich kurz und bat dann die Journalisten, an ihn Fragen zu stellen. Nachmittags in Nervi zeigte mir Hilferding den Entwurf unserer Antwortnote, den er durchkorrigiert hat und dem Rathenau heute abend die letzte Fassung gibt. Der erste Teil, die Verteidigung unseres Verhaltens, wirkte auf mich dünn und wenig überzeugend. Die Erleichterung über den Ausgang des Konflikts war allgemein.

Bernhard spendete eine Flasche Moscato. Die Russen haben heute eine sehr konziliante Antwortnote überreicht, in der sie Entschädigung für Sozialisierungsschäden versprechen und die Vorkriegsschulden unter gewissen Bedingungen anerkennen.

Mittags waren sie mit den andren Delegierten zum Frühstück beim König! Er habe ihm Hesnard in höchst erregter Weise gegen Rathenau gesprochen. Gefrühstückt mit Dell, G. Hamilton stark Boheme mit zweifelhafter Wäsche und einem verlebten Gesicht. Er definierte nur überraschenderweise Lloyd Georges Absichten dahin: Er habe hier Frankreich moralisch isolieren und dann über Bord werfen wollen.

Abends gegessen mit Dell und dem Kommunisten Rappoport: Von den Nationalisten pflege er in seinen Agitationen zu sagen: Bei der Rückfahrt auf dem Bahnhof Joffe getroffen, der mich Tschitscherin vorstellte, und nachher Krassin, durch den ich mit Litwinow bekannt gemacht wurde. Tschitscherin spricht Deutsch ohne jeden Akzent und sieht aus wie ein deutscher Professor; er könnte in Berlin Oberlehrer sein.

Durch diese Rede, wenn sie so ist, wie Zifferer sie wiedergab, wird zweifellos die Lage wieder sehr verschärft. Man darf neugierig sein, was Lloyd George darauf tun oder sagen wird. Der Kontrast zwischen der Haltung Englands und Frankreichs wird immer unverhüllter.

Der Bruch wird von beiden Seiten schon als Möglichkeit erörtert. Hesnard, den ich wie täglich nach Verabredung um elf sprach, versuchte zu beschwichtigen. Er sei gar nicht imstande, seine Drohungen wahr zu machen, weil er den Bruch mit England vor der öffentlichen Meinung Frankreichs nicht tragen könnte. Früh in Nervi geblieben. Und so wie ein Irrsinniger weiter. Andrerseits kämpft Lloyd George um seine politische Existenz, die mit dem Scheitern von Genua zu Ende wäre; und in solchen Augenblicken ist er bisher immer zum Beispiel gegen Asquith rücksichtslos brutal gewesen.

Das Meer schäumt grün und schmutzig unter meinem Fenster. Trübe Regenwolken ziehen ganz niedrig über die Wellen. Dieses Wetter ist das richtige Sinnbild der politischen Lage, die stürmisch und trübe ist. Die französische Regierung hat die Anregung Lloyd Georges, die Signatarmächte des Versailler Vertrages in Genua zusammenzuberufen, um die Sanktionen zu besprechen, zurückgewiesen. Neurath, mit dem ich nach Nervi zurückfuhr, bestätigte aus seinem Gespräch mit Child den beginnenden Druck Amerikas auf Frankreich.

Er erzählte, in Paris hätten sich beim Bekanntwerden des russischen Vertrags die jungen Leute schon zum Abmarsch an die Front vorbereitet. Bergmanns Anleiheplan ihm entwickelt. Er fand ihn vernünftig und einen guten Ausweg. Er geht morgen wieder zum Kanzler. In dieser Form ist dann der Vorschlag noch heute abend an die Russen gegangen. Garvin ist ein Vertrauter von Lloyd George und steht hier in dauernder Verbindung mit ihm. Wirth und Rathenau waren heute vormittag zwei Stunden bei Lloyd George.

Wie Rathenau mir sagte, haben sie im Laufe des Gesprächs alle aktuellen Fragen berührt, aber keine bestimmten Abmachungen in irgendeiner Frage getroffen. Lloyd George hat unter andrem auch auf die Abwesenheit von Barthou hingewiesen. Das Gespräch soll fortgesetzt werden. Viel mehr hörte man auch nicht vom Kanzler. Er ist drollig, etwas satanisch und sehr kosmopolitisch, kaum russisch.

Deutsch spricht er wie ein deutscher Professor. Lloyd George hat gestern mit Wirth gesprochen und ihn gebeten, auf die Russen einzuwirken, damit sie vor ihrer Antwort noch mit Lloyd George Rücksprache nähmen.

Darauf ist Maltzan gestern abend spät nach Santa Margherita gefahren und hat die Russen Tschitscherin eingeladen, heute früh um zehn Wirth und Rathenau zu besuchen und nachher zu Lloyd George zu fahren. Was die Russen vor allem wollen, ist Geld; dann würden sie in der Frage des Privateigentums entgegenkommen.

Als ich fragte, inwiefern sie dann konziliant sein würden, antwortete Maltzan: Während wir sprachen, fuhr Tschitscherin mit Litwinow vor; Rathenau und Wirth gingen zu ihnen in den Garten. Nach der Unterredung wiederholte Maltzan: Was die Russen wollten, sei Geld, Geld, Geld. Es solle sich ein Konsortium bilden, das ihnen Geld für bestimmte, nachzuprüfende Zwecke vorstrecke Produktivkredite.

Tschitscherin und Litwinow sind jetzt elf Uhr nach der Villa de Albertis zu Lloyd George gefahren der wie ein ungekrönter König alle empfängt, ohne selbst sich zu bemühen. Längeres Gespräch über die Verhandlungen mit der Entente.

Er begann mit ziemlichem Affekt: Er exemplifizierte auf eine Eisenbahn, bei der hier zwei Brücken, dort ein Stück Bahndamm, anderwärts wieder ein Bahnhof zerstört seien, und wo die Anwohner keine Schuhe und nichts zu essen hätten. Für diese generellen Wiederherstellungsarbeiten, die erst das Land wieder für die rentable Anlage von Privatkapitalien geeignet machten, seien Regierungskredite, allerdings zurückzahlbare, nötig. Sie sei das ernsteste Problem der Zukunft.

Ich fragte ihn, ob nach seiner Ansicht die Franzosen von der Besetzung der Ruhr Vorteile für ihre Reparationen haben könnten. Denn das erste, was die Ruhrbesetzung herbeiführen werde, werde ein weiteres starkes Fallen der Mark sein. Die Franzosen würden an uns aber die Kohle nicht für Mark, sondern etwa für Schilling verkaufen und allein aus dem Valutagewinn bei einem Valutastand von fünfhundert Mark für den Dollar etwa siebenhundert bis achthundert Millionen Goldmark für die Reparationen herausziehen.

Jedenfalls sieht es so aus, als ob sich hier in Genua in diesen Tagen eine ganz neue Mächtekonstellation vorbereitete gegen Frankreich gerichtet sein würde. Allerdings nicht, was von Genua erwartet werde, sondern die wahrscheinliche Vorbereitung auf einen neuen Kontinentalkrieg!

Der Rapallovertrag ist schon ganz vergessen. Ein Tisch mit Goldgeschirr und Früchten wie in meiner Josephslegende. Tschitscherin und Litwinow, die auch kommen sollten, waren noch bei der Ausarbeitung der Antwort auf das Memorandum und entschuldigten sich.

Sie bilden den breiten Unterbau, über den sich die Diktatur des Proletariats erhebt. In der Teilnahme der Gewerkschaften an den staatlichen und wirtschaftlichen Zentral behörden, zum Beispiel auch in den einzelnen Produktionszweigen. Leben oder Tod der europäischen Kultur. Er erdrücke die ganze Konferenz durch seine Person und seine autokratischen Methoden.

Er habe hier eine Stellung wie Napoleon auf der Höhe seiner Macht. Das sei für Frankreich unerträglich. Ich fragte, ob Frankreich die Konferenz deshalb verlassen wolle. Ja, es könne hier nichts Nützliches mehr tun. Das sei dann also wohl der Bruch der Entente. Ja; die Entente werde auseinandergehen. Aber das sei jetzt sowieso unvermeidlich.

Allerdings nur für eine gewisse Zeit. Frankreich und England würden wieder zusammenkommen. Und hier in Genua könne Frankreich ihn daran nicht hindern.

Mai an einem andren Ort treffen und verständigen. Allerdings nicht in Genua, aus dem angegebenen Grunde. Ja, er halte das für sicher. Er tat so, als glaube er nicht an einen neuen Krieg: Die Politiker sollten nur reden und intrigieren: Diese Einschränkung öffnet wieder der Propaganda und dem Krieg weit die Türen. Kurz vor dem Frühstück kam die russische Antwort, sechzehn Schreibmaschinenseiten!

Sie haben sie mittags Facta überreicht. Uns haben sie sie vorher nicht gezeigt. Hauptsache ist, sie fordern bestimmte Zusagen an finanzieller Unterstützung und beantragen, eine Kommission von Sachverständigen einzusetzen, die die einzelnen strittigen Punkte prüfen soll.

Alles in allem rund zweihundertfünfzig bis dreihundert Millionen Pfund. Die Summe ist kleiner, als was in einem Jahr für Militärbudgets ausgegeben wird. Ungeheure, unangreifbare Macht des Kapitals! Mit Moissi gesprochen über Konferenz. Dilettantismus und kleinlicher partikular-politischer Egoismus sind die beiden Klippen, an denen die Konferenz gescheitert ist.

Damit gibt man sich zufrieden! Verdrängter Nationalismus, der kaum weniger tödlich ist als der offene. Dillon gefrühstückt im Eden-Hotel in Nervi. Alles in allem dreihundert Millionen Pfund Sterling. Der Friede sei heute nichts als eine Geldfrage. Aber keine Regierung habe heute dieses Geld zur Verfügung. Machthaber darüber seien ungezählte, verstreute Kapitalisten und deren Meinung.

Dafür ist die Art, wie Benesch in Ungnade gefallen ist, charakteristisch. Mit diesen sechs Worten ist Benesch abgesägt worden. Gestern kam schon die Quittung: Moissi im Schillerkragen ohne Hut, trotz seiner vierzig Jahre gymnasiastenhaft lebhaft, betrachtete, sehr unterhaltend, die ganze Literatur und Dichtung von sich aus.

Die Demokratie habe in der Welt überall an Geltung verloren. Maltzan, der bei dem Frühstück war, erzählte eine sehr bezeichnende und drollige Geschichte von Monsignore Pizzardo, den der Papst zu Verhandlungen mit den Bolschewiki hergeschickt hat. Den hohen geistlichen Herrn störte das nicht, er wollte es nur aus historischem Interesse wissen! Die Konferenz liegt in den letzten Zügen.

Die Alliierten haben sich auf die Einsetzung einer Kommission zum Studium der russischen Frage geeinigt, wobei Frankreich systematisch alles zu erschweren gesucht hat. Diese Kommission, die im Juni im Haag zusammentritt, soll aus zwei Halbkommissionen bestehen, die nur von Fall zu Fall zusammen beraten sollen und von denen die eine aus Russen, die andre aus allen andren hier vertretenen Staaten mit Ausnahme von Deutschland bestehen soll.

Ob sie annehmen, steht noch nicht fest. Greifbare Vorteile hat eigentlich nur Deutschland von der Konferenz gehabt. Frankreich ist durch sie schwer moralisch und politisch geschädigt. Lloyd George hat eine sehr bedauerliche Schlappe erlitten.

Europa ist nicht wiederaufgebaut. Es gibt wieder ein Europa! Es gibt wieder ein Europa, obwohl Frankreich sich verzweifelt gegen diese Tatsache wehrt und obwohl dieses Europa, wie man es in Genua sah, kein schöner Anblick war. Daher logisch die Stellung Frankreichs dazu. Vormittags meine Papiere geordnet. Nach dem Frühstück nach Genua. Nachmittags in der Stampa; sie ist jetzt fast leer.

Die meisten ausländischen Journalisten scheinen schon abgereist zu sein. Die Konferenz liegt im Sterben: Vormittags gepackt in Nervi. Dillon und Frau, Simson und Dufour. Jetzt sieht es so aus, als ob die Russen schuld wären, was ihm keine Wahlplattform bietet. Wir gingen nachher zum Kaffee zum Kanzler, wo auch Rathenau war.

Rathenau war wegen der innerpolitischen Situation etwas besorgt. In München haben Demonstranten die Reichsflagge von dem Bahnhof niedergeholt und verbrannt! Ebert hat deshalb seinen Besuch dort zur Gewerbeschau abgesagt und will Wirth veranlassen, bei der Rückreise in München nicht Halt zu machen. Aber ein Fortschritt war sie doch. Mit Hilferding und Lucidi Modigliani im Parlament besucht. Er schilderte, wie die Faschisten systematisch die bäuerlichen Genossenschaften auf dem Lande kaputtmachen, ferner, wie sie von der Regierung in Gestalt der sechzigtausend Karabinieri bei ihren Gewaltstreichen geschützt werden.

Während wir sprachen, versuchten gerade Faschistenbanden ins Parlament einzudringen. Modigliani meinte, Italien habe die Gegenrevolution vor der Revolution durchgemacht. Vormittags zehneinhalb Versammlung mit den Franzosen im Reichstag, den Lobe zur Verfügung gestellt hatte.

Seine Prognosen sind schon lange in Erfüllung gegangen. Donnerstag Früh hier an, um Gordon Craig zu besuchen, den ich seit nicht gesehen hatte.

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